Oft unerkannt: Vorhofflimmern
Ein älterer Mann wird mit einem schweren Schlaganfall in die Klinik eingeliefert. Als Ursache stellen die Ärzte Vorhofflimmern fest. Hätte der Patient gewusst, dass er an dieser Herzrhythmusstörung leidet, wären sein Schlaganfall und die irreparablen Hirnschäden höchstwahrscheinlich vermeidbar gewesen. Dies ist kein Einzelfall, sondern passiert fast täglich irgendwo in Deutschland. Ärzte und Wissenschaftler des Kompetenznetzes Vorhofflimmern (AFNET) nahmen deshalb die Welt-Herzrhythmus-Woche Anfang Juni zum Anlass, auf die Gefahren des oft unerkannten Vorhofflimmerns aufmerksam zu machen.
Hohes Schlaganfallrisiko
Vorhofflimmern zählt zu den häufigsten Herzrhythmusstörungen. In Deutschland ist rund eine Million überwiegend älterer Menschen betroffen, Tendenz steigend. Die Rhythmusstörung ist zwar nicht unmittelbar lebensbedrohlich, kann aber zu schweren Komplikationen führen, insbesondere zum Schlaganfall. Während des Flimmerns ist die Pumpfunktion in den Herzvorhöfen eingeschränkt, so dass sich dort Blutgerinnsel bilden können. Wird ein solches Gerinnsel mit dem Blutstrom ins Gehirn gespült, kann es dort ein Gefäß verstopfen und so zum Schlaganfall führen. Rund ein Fünftel aller Schlaganfälle wird durch Vorhofflimmern verursacht. Dabei sind Schlaganfälle, die durch Herzrhythmusstörungen ausgelöst werden, meist besonders schwer und enden oft tödlich.
Außerdem deuten neurologische Untersuchungen darauf hin, dass Vorhofflimmern auch „kleine Schlaganfälle“ verursachen kann, die der Betroffene selbst gar nicht wahrnimmt. Geschieht dies öfter, wird das Gehirn schleichend immer mehr geschädigt. Aufgrund dieser Risiken sollte Vorhofflimmern in der Regel nicht unbehandelt bleiben. Meist werden gerinnungshemmende Medikamente eingesetzt.
Nicht immer zu bemerken
Herzrasen, Herzstolpern, innere Unruhe – so macht sich in vielen Fällen Vorhofflimmern bemerkbar. Aber längst nicht immer. Viele Patienten spüren nichts von den Herzrhythmusstörungen. Studien zeigen, dass etwa 70 Prozent aller Vorhofflimmer-Episoden ohne Symptome und daher unbemerkt verlaufen.
„Untersuchungsprogramme zur Früherkennung gefährdeter Bevölkerungsgruppen, also von Menschen über 50 Jahren, insbesondere mit Bluthochdruck, koronarer Herzkrankheit oder Herzmuskelschwäche, sind daher eine wichtige Aufgabe für die Zukunft“ erklärt Prof. Günter Breithardt, Sprecher des Kompetenznetzes Vorhofflimmern.
„Kenne deinen Puls“
Der Arzt diagnostiziert Vorhofflimmern zweifelsfrei anhand eines EKGs. Typisch für diese Rhythmusstörung ist ein völlig unregelmäßiger Pulsschlag – das Herz gerät komplett aus dem Takt. „Know your pulse – kenne deinen Puls“ lautet das Motto der diesjährigen Welt-Herzrhythmus-Woche. „Jeder sollte regelmäßig seinen Puls kontrollieren. Wenn der Herzschlag unregelmäßig oder zu schnell ist, sollte man zum Arzt gehen, um abzuklären, ob Vorhofflimmern oder eine andere Rhythmusstörung vorliegt“, empfiehlt Prof. Breithardt.
Allerdings tritt Vorhofflimmern bei vielen Patienten anfallartig auf. Genau so plötzlich wie die Rhythmusstörung kommt, verschwindet sie auch wieder. Im EKG lässt sich Vorhofflimmern in der Regel nur feststellen, wenn das Herz genau in diesem Moment aus dem Takt gerät. Neuartige EKG-Auswerteverfahren zielen darauf ab, Vorhofflimmern auch zwischen den Anfällen, während der Herzrhythmus eigentlich normal ist, zu erkennen. Ein solches Verfahren wird zurzeit im Rahmen eines integrierten Versorgungsprogramms einer Krankenkasse erprobt. Wird die Rhythmusstörung frühzeitig erkannt und mit gerinnungshemmenden Medikamenten behandelt, kann ein großer Teil der Folgeschäden verhindert werden.










